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Mittwoch, 2. April 2014

Jolly Jumper, Darth Vader und die Froschkönige

Seit meinem ersten Eintrag hat sich einiges getan.

Unter anderem habe ich mir ein Hotte Hüh-Pferdchen geleistet. Wenn man es genau nimmt, kann ich hier auf Station sogar aus mehreren Rössern wählen. Auch, wenn der ein oder andere Gaul nicht mehr ganz so flott unterwegs ist und ich so meine Mühen habe, sie über die Flure zu scheuchen. Und über Kopfsteinpflaster und Bordsteine komme ich sowieso nicht mit ihnen. Aber ich bin froh, dass ich sie reiten darf, denn manchmal geht es einfach nicht ohne sie. Durch den chronischen Schlafmangel der letzten Tage hänge ich vor allem morgens dermaßen in den Seilen, dass sich mein gelegentlich vorhandener Schwindel so sehr verstärkt, dass ich Angst habe, selbst kleinere Strecken zu Fuß zurückzulegen. Wenn also ein hagerer, junger Kerl auf dem Rücken von Jolly Jumper mit halsbrecherischer Geschwindigkeit die Flure der Kliniken entlang donnert, bin ich das.

Am Montagnachmittag war ich bei den Damen und Herren der Neuropsychologie zu Gast. Ein Herr Doktor und eine seiner Studentinnen luden zur Überprüfung meiner kognitiven Fähigkeiten. Diese Einladung konnte ich natürlich unmöglich ausschlagen. Obwohl ich nirgendwo eine Tasse Kaffee, geschweige denn ein Stück Kuchen, entdecken konnte. Trotzdem waren die beiden sehr nett und ich habe den Test ohne größere Gedächtnislücken absolvieren können. Lediglich das vorgegebene Bild konnte ich nach einiger Zeit nicht wirklich gut aus dem Kopf auf ein leeres Blatt Papier reproduzieren.

Für die, die sich dafür interessieren, wie ein solcher Test ablaufen kann, stelle ich hier mal zwei mögliche Aufgaben ein:

1) Lese einer Person ruhig und deutlich die folgenden 15 Begriffe vor:

Apfel, Flugzeug, Schreibmaschine, Vater, Tee, Hund, Vorhang, Berg, Glocke, Möhre, Reise, Kind, Zirkus, Pferd, Zigarre.

Nun bittest du die Person nach einer, nach zwei und und nach drei Minuten jeweils, alle dieser 15 Begriffe aufzuzählen, an die sie sich noch erinnern kann.

2) Als nächtes bittest du die zu testende Person, innerhalb von zwei Minuten möglichst viele Begriffe zu nennen, die mit dem Buchstaben F beginnen. Eigennamen wie bspw. Fabian, Florian oder Fabienne zählen nicht.

(Die Aufgaben kann man natürlich auch mit anderen Begriffen, mit Zahlen und mit anderen Anfangsbuchstaben durchführen.)

Für den gestrigen Morgen war ein Kräftemessen mit Darth Vader angesetzt worden. Kaum kam ich auf meinem Ross angeritten und stieg ab, zückte er sein Laserschwert und es kam zu einem ungleichen Duell, da mir das Mitbringen einer Waffe strengstens untersagt worden war. Folglich ging ich während des Kampfes des Öfteren zu Boden, habe aber am Ende mein Gesicht wahren und die Gefahrenzone relativ unbeschadet verlassen können.

Quark. Schmarrn. Bei der Überprüfung des Augenhintergrundes auf Kupfereinlagerungen (Kayser-Fleischer-Ring, Morbus Wilson lässt grüßen) wurde Ende letzter Woche ein kleines Loch in der Netzhaut meines rechten Auges gefunden. Mithilfe einer Laser-Behandlung (der sog. Photokoagulation) hat man nun dafür gesorgt, dass das Risiko einer akut auftretenden Netzhautablösung mit der Zeit nicht immer weiter ansteigt. Natürlich muss ich das Auge sicherheitshalber von Zeit zu Zeit anschauen lassen, aber das nehme ich dafür in Kauf.

Ein absolutes Highlight stand gestern ins Haus: ein Besuch der Neurourologie in Heidelberg-Schlierbach. Einmal pieseln bitte! Ich wurde für lau mit dem Taxi dorthin und auch wieder retour gefahren und ich tippe mal, die Taxifahrer haben sich schon die Lebensgeschichte des ein oder anderen Patienten ans Ohr tackern lassen. War aber alles halb so wild. Ich werde in ein paar Tagen nochmal dort vorbeischneien, um eine urodynamische Messung durchführen zu lassen. Anhand der Ergebnisse dieser Untersuchung kann man dann beurteilen, ob ich den Toilettengang zur Not noch etwas aufschieben kann (falls mir das gelingt) und ab wann das Ganze anfängt, sich bei zu hohen Drücken in Richtung der Harnleiter zurückzustauen und damit irgendwann die Nieren zu schädigen.

Auch heute habe ich wieder fleißig die angesetzten Termine abgearbeitet. Zunächst habe ich bei der Physiotherapie die Knochen durchgeschüttelt. Etwas darauf war ich bei einer Ultraschall-Untersuchung der Leber, für die ich bis zu diesem Zeitpunkt nüchtern zu sein hatte. Mittags stand schließlich noch eine Messung meiner Kreislaufregulationsverhältnisse auf dem Kipptisch auf dem Programm. Speziell diese Untersuchung hatte ich mir unangenehmer vorgestellt, als sie letzten Endes war. Es ging lediglich einmal aus dem Liegen in den Stand hoch. Dabei wurde ich aber nicht ohnmächtig und nassgemacht habe mich auch nicht.

Für Morgen wurden inzwischen das IBZM-Spect und der L-Dopa-Test angesetzt. Ich bin schon gespannt, was dabei herauskommt und hoffe, dass meine Symptomatik gut auf das L-Dopa anspricht. Des Weiteren ist der Herr Professor, der mich heute im Rahmen der Visite besucht hat, der Ansicht, ich sei möglicherweise ein Kandidat für einen Hirnschrittmacher. Ich denke, im Laufe der Zeit wird sich zeigen, was für mich das Beste sein wird. Ich bin da guter Dinge!

Abends wird aus dem Bereich, der von den einzelnen Flügeln der Klinik eingeschlossen wird, ein großer Froschtümpel. Zumindest klingt es so. Ich habe noch nicht herausgefunden, ob das Gequake echt ist oder vom Band kommt. Jedenfalls stimmen ab ca. 21 Uhr gefühlt mehrere dutzend oder mehr Frösche ein nicht zu überhörendes Froschkonzert an und versuchen sich dabei scheinbar gegenseitig in ihrer Lautstärke zu überbieten. Mir ist das erst vor kurzem aufgefallen, und falls die Froschkönige tatsächlich echt sind, gefällt mir ihr Froschrap wirklich gut!

Jetzt werde ich mich unter die wohlverdiente Brause stellen und später lauschen, ob Kermits Kollegen heute nur vor auserwähltem Publikum musizieren, oder ob der Frosch-Flashmob wieder eine große Open Air-Aufführung  gibt.

Montag, 31. März 2014

Das Haus, das Verrückte macht


Es gibt nicht unbedingt gute Nachrichten.

Mein bisheriger Zimmernachbar wurde Freitagmittag vom ASB abgeholt und in eine andere Klinik verlegt. Nachdem ich mich sehr über meinen Single-Status gefreut hatte, habe ich seit Freitagabend einen neuen Mitbewohner in meinem Zimmer liegen.

Er ist etwas über 60 Jahre alt, an Krebs erkrankt, erhält derzeit eine Chemotherapie mitsamt Bestrahlungen und hat vor einigen Tagen daheim einen Schlaganfall erlitten (seinem Bericht zufolge tippe ich mal auf eine Transitorisch ischämische Attacke).

Verständlicherweise wirkt er nun ziemlich mitgenommen und hadert, dass ihn das Schicksal erneut auserkoren und ihm derbe eine reingebrezelt hat. Das kann ich ihm nachfühlen und er tut mir leid.

Bei seiner Ankunft hat er mir unter anderem erzählt, er habe bis vor kurzem gerne auf kleinen Orgeln gespielt. Doch durch den Apoplex sei seine rechte Hand in ihrer Beweglichkeit zurzeit stark eingeschränkt und somit an das Orgeln im Moment nicht zu denken. Ich dachte mir noch: ´Schönes Hobby! Und jetzt geht es ab jetzt bergauf und ich kann mal eine Nacht durchschlafen.´ Aber weit gefehlt!

In der Nacht von Freitag auf Samstag vernahm ich gegen 4 Uhr ein recht lautes Rufen. "Hallo, hallo!?" Ich drehte den Kopf in seine Richtung. "Ja bitte?" Antwort: "Können Sie mal läuten?" Also habe ich nach dem Nachtpfleger geklingelt und mich danach wieder umgelegt. Und wohl auch noch etwas geschlafen.

Seit dem Frühstück am Samstagmorgen sitzt er auf seiner Bettkante oder liegt im Bett und unterhält sich mit sich selbst. Dabei dreht er gelegentlich die Finger der einen Hand um die Finger seiner anderen Hand. Und ich am Rad!

Daher schnappe ich mir inzwischen regelmäßig meinen Laptop mitsamt der Kopfhörer meines MP3-Players und verkrieche mich mit einer Flasche Wasser in ein kleines Eck hinter dem Schwesternstützpunkt.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich kann mich wirklich gut in ihn hineinversetzen und wünsche ihm von Herzen alles erdenklich Gute. Dass seine Situation nicht einfach ist, ist doch klar.

Aber was für mich persönlich ganz entscheidend ist: Ich habe in der Zeit, in der ich nun hier auf Station bin, nicht eine Nacht durchschlafen können. Und das lag bisher noch nicht ein Mal an mir selbst! Je weniger bzw. je schlechter ich schlafe, desto bescheidener steht es am nächsten Tag um meine Psychomotorik und um meine körperlichen Fähigkeiten! Langsam gehe ich echt am Stock. Einerseits bin ich tagsüber des öfteren stehend k.o., andererseits aber durch den starken Kaffee hier gleichzeitig aufgedreht und hippelig.

Aber kommen wir mal zu mir als Patient:


Ich habe am Samstag bei der morgendlichen Visite des Assistenzarztes die MRT-Aufnahmen vom Mittwochabend angesprochen. Im Vergleich zu den Aufnahmen aus München vom April 2012 habe sich ja angeblich nichts verändert bis auf eine nachweisbare kleine Anomalie im Hirnstamm, die aber nicht als charakteristisch für eine bestimmte Erkrankung zu werten sei. Es scheint also keine im MRT nachweisbare cerebrale Atrophie zu geben, sagte der angehende Neurologe, was ich natürlich wohlwollend zur Kenntnis genommen habe.

Laut seiner Aussage ist der gemessene Wert des Coeruloplasmins (ein Eiweiß, u.a. mit Bindungs- und Transportfunktion für Kupfer) in meiner Blutprobe nachweisbar erniedrigt gewesen. Und obwohl der Augenhintergrund bei der Untersuchung am Freitag frei von Kupferablagerungen war, darf der Morbus Wilson im ´Ja was hat der Kümmelspalter eigentlich?´-Spiel wieder mitspielen als möglicher Auslöser meiner Beschwerden. Obwohl der Augenhintergrund diese Ablagerungen inzwischen hätte aufweisen müssen, da ich mittlerweile seit mehr als zwei Jahren parkinsonoide Symptome zeige. Was weiß denn ich!?

Auch der DAT-Scan war nochmals Thema. Da auf der einen Seite meines Gehirns die vor der Untersuchung applizierte radioaktive Substanz scheinbar deutlich schlechter verarbeitet wurde, weist dieses Ergebnis laut der Aussage des Arztes auf eine Erkrankung aus dem Formenkreis des Morbus Parkinson hin. Das ist doch zumindest mal eine greifbare Ansage!

Auf meine Frage, ob man mich aufgrund meines chronischen Spannungskopfschmerzes nicht in die neurologische Schmerzambulanz hier im Haus schicken könne bekam ich die Auskunft, dass man mir eher eine Kopfschmerz-Ambulanz (wie z.B. diejenige in Essen) empfehlen würde. Irgendwie kann ich mir aber nicht wirklich vorstellen, dass die Heidelberger da weniger fähig sind. Und da ich keine Pflegestufe habe, bezahlt mir meine Krankenkasse meines Wissens auch kein Zugticket nach Essen. Wer da etwas Gegenteiliges weiß, darf mich das gerne wissen lassen. Ich freue mich über jede Info!.


Auch auf meine Anfrage, ob man mir in der Anästhesie nicht Ropivacain subcutan gegen meine zum Teil sehr schmerzhaften Nacken-Schulter-Verspannungen verabreichen könne, bekam ich eine eher zögerliche Antwort. Man müsse erst einmal klären, was der Auslöser der Verspannungen sei. Des Weiteren hätte man hier auf Station mit dem Thema ´Ropivacain subcutan´ noch nicht besonders viel Erfahrung. Dass mein Schmerztherapeut mir die Substanz bereits zweimal unter die Haut gespritzt hat und dass das die bisher einzige Maßnahme war, die eine spürbare Besserung brachte, hat ihn scheinbar nicht sehr beeindruckt. Naja, was soll´s!? Ich werde mir diese Möglichkeit auf jeden Fall warm halten, falls die Verspannungen zu schmerzhaft werden.

Das IBZM-Spect wird nicht vor dem kommenden Donerstag laufen. Somit läuft der L-Dopa-Test nicht vor dem darauffolgenden Montag, weil man den erst nach der Spect-Untersuchung machen möchte. Was wiederum bedeutet, dass ich noch mindestens bis zum 08.04. im Haus zu Gast sein darf, das Verrückte macht.

Was mir gerade einfällt: Ich muss noch den Passierschein A 38 beantragen. Vorher komme ich hier eh nicht raus! Aber das ist nur eine Formalität verwaltungstechnischer Art! Ich will ja schließlich keine Galeere eintragen lassen, und zum Hafen muss ich auch nicht! Übrigens wird sich jeder, der Asterix und Obelix mag, an das Haus, das Verrückte macht, erinnern können. Oder?

In meinem 24 Stunden-Urin wurde ein Bakterium gefunden, welches nicht wirklich in meine Harnblase hineingehört. Inzwischen bekomme ich mit zweimal 500 mg Ciprofloxacin pro Tag das passende Antibiotikum dazu und bin froh, dass bislang keine (gastrointestinalen) Nebenwirkungen aufgetreten sind.

Am Samstag Nachmittag kamen meine Mutter und mein Stiefvater hier vorbei und haben mich abgeholt. Wir haben in Viernheim Hundewelpen angeschaut, die Sam als Hundepapa vor einiger Zeit gezeugt hat. Zu goldig die kleinen Hündchen! Das Dokument, dass ich das Haus für ein paar Stunden auf eigene Verantwortung verlassen kann, hatte ich natürlich auf Station unterschrieben.

Da ich wohl noch mind. eine Woche hier zu Gast sein werde, lohnt es sich durchaus, mich zu besuchen. Wer das tun mag, möge mich bitte vorher anrufen oder mir im Voraus schreiben. Nicht, dass ich da gerade bei einer Untersuchung oder sonstwo bin.


Das soll es für den Moment mal gewesen sein. In ein paar Stunden dürfte es wieder was zu beißen geben. In den letzten Tagen habe ich einen derartigen Kohldampf entwickelt, dass ich mir öfter auch zwischendurch mal was an die Kauleisten heften muss. Die Qualität des Essens ist hier übrigens durchaus akzeptabel.