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Donnerstag, 3. April 2014

Sommer im Kopf

Satz mit X - det war wohl nischt!

Es muss etwa kurz nach Acht heute Morgen gewesen sein. Irgendwer rüttelte ein wenig an mir herum. "Sie haben innnn, äääh, vier Minuten einen Termin unten beim IBZM-Spect." Aha. Dann war es natürlich eine gute Idee, mich schon so früh zu wecken, weil ich so noch genügend Zeit haben würde, um die Glubschkugeln mal richtig aufzubekommen und in Ruhe einen Becher des schwarzen Goldes hinunterzustürzen.

Nunja. Ich bin in meine Klamotten hineingefallen, in die Schuhe geschlüpft und habe mich dann auf Jolly Jumpers breiten Rücken gesetzt. Der Gaul war netterweise schon von einem freundlich lächelnden Mitarbeiter des Hol- und Bringdienstes zu mir geführt worden und wir sind mit ordentlich Speed durch die Prärie Klinik geritten. Ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal halbwegs gut und vor allem ausreichend geschlafen zu haben. Wenn auch mit Unterstützung einer Schlaftablette kurz vor Mitternacht. Ich bin heute viel ausgeglichener, psychomotorisch wie körperlich um einiges beweglicher und auch weniger aufgekratzt.

Nach wenigen Minuten hatten wir die Nuklearmedizin erreicht und ich wurde nach der Anmeldung mit meinem treuen Ross in einem Warteraum geparkt. Kurze Zeit später habe ich einen halben Becher einer etwas bitter schmeckenden Flüssigkeit geleert, um mithilfe dieses gelösten Stoffes eine Anreicherung einer noch zu applizierenden radioaktiven Substanz in der Schilddrüse zu verhindern.

Dann war warten angesagt. Also schnappte ich mir eine Ausgabe eines sehr bekannten deutschen Wochenmagazins und begann, darin zu blättern. Nach einiger Zeit entdeckte ich einen Artikel über den klinischen Psychologen Dr. Georg Fraberger aus Wien. Er wurde 1973 ohne Arme und Beine geboren und gab dieser Zeitschrift nun ein Interview. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich von diesem Mann schwer beeindruckt bin und ein wenig schlucken musste, als er von den Erfahrungen berichtete, die er bisher in seinem Leben hat machen müssen und die er zum Teil auch heute noch macht. Und um ehrlich zu sein habe ich mich etwas geärgert über einige provokante Anspielungen und Fragen des Fragenstellers. Kann auch sein, dass er seinen Interview-Partner damit ein wenig aus der Reserve hat locken wollen, ich weiß es nicht. Aber wie dem auch sei. Ich finde es sehr beachtlich, mit welch positiver Einstellung Herr Dr. Fraberger die Dinge angeht und was er aus sich und seinem Leben gemacht hat!

Irgendwann hatte ich alle interessanten Artikel gelesen und schaute zur Uhr. Seit der Einnahme der Lösung zur Blockade der Schilddrüse waren inzwischen 80 Minuten vergangen und ganz allmählich fing mein Magen an, immer deutlicher seinen Unmut zu äußern. Gestern hatte ich bis mittags nach dem Leber-Sono nüchtern sein müssen, und daher wollte ich nun doch mal höflich nachfragen, wie lange es denn ungefähr noch dauern würde. Ich leitete mein Schlachtross also auf den Gang und sprach den nächstbesten Klinikmitarbeiter an. Gerade als ich ihn um eine kurze Info gebeten hatte, kam eine junge Frau um die Ecke und schaltete sich in unser Gespräch ein. Die radioaktive Substanz, die man für mich bestellt habe, käme aus den Niederlanden und sei heute nicht in der Lieferung dabei gewesen. Man könne das IBZM-Spect erst morgen durchführen.

Ich wusste im ersten Moment nicht, ob ich mir an den Kopf greifen oder mich über den somit wohl bevorstehenden freien Vormittag freuen sollte. Denn ´Kein IBZM-Spect!´ war auch gleichbedeutend mit ´Kein L-Dopa-Test!´. Ich muss sagen, mir war und ist es relativ egal, ob ich heute oder morgen dran bin. Ich hoffe nur, dass man sich keine auswärtigen Patienten zum Termin einbestellt und dann später feststellt, dass die benötigten Substanzen nicht vorrätig sind!?

Nachdem ich in der Nuklearmedizin keinen Blumentopf mehr gewinnen konnte, habe ich meinen Gaul gesattelt und bin in Richtung meiner Station davon geritten. In meiner Suite angekommen erwartete mich die nächste Überraschung: Das Spätstück, das mein knurrender Magen inzwischen deutlich einforderte, war unauffindbar. Entweder, man hat mir erst gar nichts hingestellt, weil ich sowieso nicht anwesend war, oder man hat mein Mahl unverrichteter Dinge wieder abgeräumt. Gott sei Dank sind die Pflegekräfte meiner Station nicht nur sehr gut ausgebildete Mitarbeiter, sondern auch sehr hilfsbereite und liebesgewürzige Mitmenschen. So hat es keine 60 Sekunden gedauert, bis sich einer von ihnen auf den Weg in die Küche machte und auf dem Rückweg an der Kaffee-Tankstelle einmal volltankte. Ich kann also wirklich nicht maulen. Das Personal der Kliniken  ist fachlich wie menschlich wirklich hervorragend ausgebildet und bemüht. Respekt und herzlichen Dank! Ich fühle mich sehr wohl hier.

Nachdem ich mich gut gestärkt hatte, ging ich daran, mich gründlich zu rasieren. Gerade war ich den nervtötenden Härchen zu Leibe gerückt, da öffnete sich die Tür und mein Physiotherapeut sprang ins Zimmer. Wie es gerade bei mir aussehe, er habe jetzt Kapazitäten. Natürlich habe ich nicht lange überlegt und mir die Schuhe gebunden. Seine Übungen tun mir richtig gut und helfen mir sehr, meine vorhandenen Defizite zu erkennen und gezielt zu behandeln.

Im Moment sitze ich seit einiger Zeit in meinem Bett, höre Musik und schreibe an diesem Beitrag. Zwar kann ich zurzeit natürlich nicht behaupten, dass es mir körperlich besonders gut geht und ich mit dem Status quo zufrieden bin. Aber ganz egal, welche Erkrankung man irgendwann diagnostizieren wird - ich werde toll versorgt und es geht endlich voran. Daher behaupte ich einfach mal, dass ich trotz allem recht zufrieden und glücklich bin! Eine ehemalige Mitschülerin hat einmal einen tollen Spruch auf ihren Schulrucksack geschrieben: "Sommer ist keine Jahreszeit, sondern eine Lebenseinstellung!"

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