Seiten

Dienstag, 24. Juni 2014

Sag zum Abschied leise Servus

Leider sind in den letzten Tagen einige Mitpatienten abgereist, mit denen ich mich ziemlich gut verstanden habe. Einer von ihnen war Uli, der nach einem Schlaganfall zur Reha hier gewesen ist und jetzt mit seiner Frau noch ein paar Tage an der Nordsee verbringt.

Uli muss man einfach mögen. Ein total unkomplizierter, kumpelhafter Typ, mit dem man über Gott und die Welt philosophieren kann. Während unserer gemeinsamen Zeit hier haben wir uns nicht nur die Tischtennisbälle, sondern auch einige mehr oder weniger anständige Witze um die Ohren gehauen. Als krönenden Abschluss hat er kurz vor seiner Abreise sogar noch dafür gesorgt, dass ich keinen Hunger leiden muss, indem er mich in der Stadt zu einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen eingeladen hat. Für sich selbst beließ er es bei einem Kaffee. Was zeigt, dass er während seines Aufenthalts gelernt hat, verantwortungsvoller mit sich und seinem Körper umzugehen. Er stuft den Schlaganfall als ernstes Warnsignal ein und möchte in Zukunft mehr Sport treiben, sich bewusster ernähren, überschüssige Pfunde abbauen und Stress so gut es geht vermeiden. Dafür zolle ich ihm Respekt und wünsche gutes Gelingen!

Seit Uli nicht mehr da ist muss ich mir fürs Tischtennis neue Mitspieler suchen. Bisher habe ich ab und an mit Birgit die Schläger geschwungen und war froh, eine sehr gute Spielerin gefunden zu haben und mich abends noch etwas bewegen zu können. Leider ist Birgit zurzeit nicht einsatzfähig, da sie sich mit Rückenbeschwerden herumplagt. Umso besser traf es sich, dass ich mich neulich vier, fünf sehr netten Damen habe anschließen dürfen, die sich gelegentlich treffen und gemeinsam Rummikub spielen. Bei schönem Wetter sitzen wir auf der Terrasse des klinikeigenen Cafés und genießen den Blick auf den Bodensee, dessen Ufer keine 100 Meter entfernt ist.

Am letzten Dienstag habe ich zum ersten Mal am Rollitraining in der Sporthalle teilgenommen. Für heute, 13 Uhr, stand nun die nächste Übungseinheit in meinem Therapieplan. Letzte Woche hatten zwei Physiotherapie-Schülerinnen einen Parcours aus verschiedenen Aufgaben aufgebaut, der zu absolvieren war. So musste man z.B. mit dem Rolli eine gerade Linie entlang fahren, einen Ball aus einer gewissen Entfernung in einen kleinen Rollkorb werfen oder mit dem Stuhl über eine kleine Kante auf ein Hindernis hinauf fahren. Und auch heute wurden wieder einige Alltagssituationen nachgestellt und zum Üben angeboten, die Rollstuhlfahrer tagtäglich zu bewältigen haben. Dabei wurden die beiden jungen Damen von einer ausgelernten Physiotherapeutin tatkräftig unterstützt und angeleitet. Aber obwohl ich mit meinem Übungsrolli recht gut zurechtgekommen bin und die beiden Einheiten durchaus Spaß gemacht haben werde ich nicht vergessen, dass ich zuhause so lange wie möglich ohne Rolli mobil sein möchte. Den Stuhl, den ich bekommen werde, sollte und werde ich nur dann nutzen, wenn ich mit meinem rechten Bein wirklich nicht mehr vorwärts komme.

Seit heute Vormittag ist geklärt, dass ich am kommenden Dienstag nach Hause fahren werde. Genau vier Wochen werden es dann gewesen sein, die ich hier verbracht habe. Dass ich keine Verlängerung um ein oder gar zwei Wochen beantragen möchte, habe ich schon vor einigen Tagen entschieden. Ich werde zwar ein wenig traurig sein, wenn ich den vielen netten Leuten ´Lebewohl´ sagen muss, die ich hier bislang kennenlernen durfte. Aber ansonsten werde ich ehrlich gesagt nicht allzu viel vermissen. Dazu kommt, dass ich mich daheim für eine Stelle bewerben will. Ich möchte endlich mal wieder ein paar Stunden arbeiten gehen, mein eigenes Geld verdienen und irgendwo auch wieder einen geregelten Tagesablauf haben. Außerdem ist mein Krankengeld Anfang Juni ausgelaufen und ich habe keine Lust, länger als unbedingt nötig von Hartz IV zu leben.

Ich glaube, ich werde einmal tief durchatmen und drei Kreuze an die Wand malen, wenn ich am Dienstag im Zug sitze.

Keine Kommentare: