Leider sind in den letzten Tagen einige
Mitpatienten abgereist, mit denen ich mich ziemlich gut verstanden
habe. Einer von ihnen war Uli, der nach einem Schlaganfall zur Reha
hier gewesen ist und jetzt mit seiner Frau noch ein paar Tage an der
Nordsee verbringt.
Uli muss man einfach mögen. Ein total
unkomplizierter, kumpelhafter Typ, mit dem man über Gott und die
Welt philosophieren kann. Während unserer gemeinsamen Zeit hier
haben wir uns nicht nur die Tischtennisbälle, sondern auch einige
mehr oder weniger anständige Witze um die Ohren gehauen. Als
krönenden Abschluss hat er kurz vor seiner Abreise sogar noch dafür
gesorgt, dass ich keinen Hunger leiden muss, indem er mich in der
Stadt zu einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen eingeladen hat.
Für sich selbst beließ er es bei einem Kaffee. Was zeigt, dass er
während seines Aufenthalts gelernt hat, verantwortungsvoller mit
sich und seinem Körper umzugehen. Er stuft den Schlaganfall als
ernstes Warnsignal ein und möchte in Zukunft mehr Sport treiben,
sich bewusster ernähren, überschüssige Pfunde abbauen und Stress
so gut es geht vermeiden. Dafür zolle ich ihm Respekt und wünsche
gutes Gelingen!
Seit Uli nicht mehr da ist muss ich mir
fürs Tischtennis neue Mitspieler suchen. Bisher habe ich ab und an
mit Birgit die Schläger geschwungen und war froh, eine sehr gute
Spielerin gefunden zu haben und mich abends noch etwas bewegen zu
können. Leider ist Birgit zurzeit nicht einsatzfähig, da sie sich
mit Rückenbeschwerden herumplagt. Umso besser traf es sich, dass ich
mich neulich vier, fünf sehr netten Damen habe anschließen dürfen,
die sich gelegentlich treffen und gemeinsam Rummikub spielen. Bei
schönem Wetter sitzen wir auf der Terrasse des klinikeigenen Cafés
und genießen den Blick auf den Bodensee, dessen Ufer keine 100 Meter
entfernt ist.
Am letzten Dienstag habe ich zum ersten
Mal am Rollitraining in der Sporthalle teilgenommen. Für heute, 13
Uhr, stand nun die nächste Übungseinheit in meinem Therapieplan.
Letzte Woche hatten zwei Physiotherapie-Schülerinnen einen Parcours
aus verschiedenen Aufgaben aufgebaut, der zu absolvieren war. So
musste man z.B. mit dem Rolli eine gerade Linie entlang fahren, einen
Ball aus einer gewissen Entfernung in einen kleinen Rollkorb werfen
oder mit dem Stuhl über eine kleine Kante auf ein Hindernis hinauf
fahren. Und auch heute wurden wieder einige Alltagssituationen
nachgestellt und zum Üben angeboten, die Rollstuhlfahrer tagtäglich
zu bewältigen haben. Dabei wurden die beiden jungen Damen von einer
ausgelernten Physiotherapeutin tatkräftig unterstützt und
angeleitet. Aber obwohl ich mit meinem Übungsrolli recht gut
zurechtgekommen bin und die beiden Einheiten durchaus Spaß gemacht
haben werde ich nicht vergessen, dass ich zuhause so lange wie
möglich ohne Rolli mobil sein möchte. Den Stuhl, den ich bekommen
werde, sollte und werde ich nur dann nutzen, wenn ich mit meinem
rechten Bein wirklich nicht mehr vorwärts komme.
Seit heute Vormittag ist geklärt, dass
ich am kommenden Dienstag nach Hause fahren werde. Genau vier Wochen
werden es dann gewesen sein, die ich hier verbracht habe. Dass ich
keine Verlängerung um ein oder gar zwei Wochen beantragen möchte,
habe ich schon vor einigen Tagen entschieden. Ich werde zwar ein
wenig traurig sein, wenn ich den vielen netten Leuten ´Lebewohl´
sagen muss, die ich hier bislang kennenlernen durfte. Aber ansonsten
werde ich ehrlich gesagt nicht allzu viel vermissen. Dazu kommt, dass
ich mich daheim für eine Stelle bewerben will. Ich möchte endlich
mal wieder ein paar Stunden arbeiten gehen, mein eigenes Geld
verdienen und irgendwo auch wieder einen geregelten Tagesablauf
haben. Außerdem ist mein Krankengeld Anfang Juni ausgelaufen und ich
habe keine Lust, länger als unbedingt nötig von Hartz IV zu leben.
Ich glaube, ich werde einmal tief
durchatmen und drei Kreuze an die Wand malen, wenn ich am Dienstag im
Zug sitze.
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