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Samstag, 3. Mai 2014

Brüder im Geiste

Wenn ich an meinen stationären Aufenthalt in Heidelberg zurückdenke, fallen mir fast ausschließlich schöne und positive Dinge ein. Natürlich war die erste Woche nicht ganz einfach, weil ich nachts kaum mehr als vier, fünf Stunden geschlafen und mich morgens dann dementsprechend großartig gefühlt habe. Aber auch für dieses Problem haben wir schließlich eine Lösung gefunden.

Ich hätte z.B. nie für möglich gehalten, dass man in einem Krankenhaus innerhalb von 16, 17 Tagen so viele nette und sympathische Menschen kennenlernen kann. Der Kontakt und der Austausch mit diesen Leuten haben mir wirklich sehr geholfen. Natürlich ist es gut, wenn man den Krankenhausalltag mit ein wenig Leben füllen kann. Aber das war gar nicht mal das Entscheidende für mich. Viel wichtiger war mir, dass all diese Menschen mit chronischen Erkrankungen leben und dass sie in ihrem Leben schon einiges durchgemacht haben. Trotzdem haben sie den Mut und die Zuversicht nicht verloren. Das zeigt mir, dass es auch für mich nur einen Weg geben kann, und zwar den nach vorne!

Klar, derzeit durchlebe ich auch Phasen, in denen es mir nicht besonders gut geht. Ich bin 31 Jahre alt und hatte mir das junge Erwachsenenalter anders vorgestellt, als dauerhaft auf Tabletten und Hilfsmittel angewiesen zu sein. Aber ich denke, es ist normal, dass es solche Phasen gibt. Wenn man sich offen und bewusst mit einer Erkrankung auseinandersetzt, sollte man alle Aspekte in seine Überlegungen miteinbeziehen, die positiven als auch die negativen. Es kommt darauf an, aus dem, was am Ende dabei herumkommt, die richtigen Schlüsse zu ziehen und den richtigen Weg zu wählen. Ich versuche immer, mir klar zu machen, dass viele andere (junge) Menschen ebenfalls krank sind und es trotzdem schaffen, etwas aus sich und ihrem Leben zu machen. Einfach aufgeben ist nicht. Wie heißt es so schön: ´Die Krankheit muss mit mir leben, nicht ich mit der Krankheit!´

Einer dieser Menschen mit einer vorbildlichen Einstellung ist Sandra. Aufgrund einer MS-Erkrankung ist sie dauerhaft auf den Rollstuhl angewiesen. Schwierig zu sagen, was ich an ihr am liebsten mag. Ich glaube, vielleicht ist es einfach ihre Art. Sie ist eine total aufgeschlossene und umgängliche Person, die über eine sehr genaue und intensive Beobachtungsgabe verfügt. Kennengelernt habe ich Sandra 2009 an der Uni. Mittlerweile arbeitet sie in Heidelberg und wäre bereit, für mich den Kontakt zu einem Mitarbeiter eines Sanitätshauses herzustellen, der sich ihrer Meinung nach sehr gut mit der Rollstuhl-Versorgung auskennt. Wie es der Zufall so wollte hat sich während meines stationären Aufenthalts herausgestellt, dass Sandras Mutter auf der Station lag, die unmittelbar an meine Station grenzte. So haben wir uns lose verabredet und ich habe mich sehr gefreut, als wir uns eines Nachmittags auf dem Gang meiner Station über den Weg gerollt sind. Wir haben uns etwas zu trinken geschnappt und uns über eine Stunde lang sehr gut unterhalten. Schade, dass wir ein Stück weit auseinander wohnen. Spätestens, wenn ich von meiner Reha zurück bin, möchte ich Sandra mal besuchen und auch den Mitarbeiter des Sanitätshauses kennenlernen.

Eine ebenso liebenswerte Person ist Sabine. Sie habe ich kennengelernt, als sie ihre Mutter auf die Station hochbrachte, auf der auch ich gelegen bin. Zunächst sind wir ein wenig ins Gespräch gekommen. Ich hatte gerade etwas Zeit und blätterte in ein paar Zeitschriften, die auf dem Gang auf einem Tisch lagen, während ihre Mutter auf die stationäre Aufnahme wartete. Ich glaube, es war noch keine Viertelstunde vergangen, als wir uns auf das ´Du´ einigten. Sabine war vor einiger Zeit selbst schwer krank gewesen und kehrte nun mit ihren Eltern auf die Station zurück, auf der sie selbst länger gelegen hatte. Als ich ihre damaligen Diagnosen erfahren habe, mit deren Folgen sie sich noch heute herumschlägt, ist mir erstmal die Kinnlade runtergefallen. Aber ich finde, sie schlägt sich hervorragend und hat genau die richtige, positive Einstellung. Was mir außerdem sehr gefallen hat ist ihre spontane und fröhliche Art. Sie hatte eigentlich immer ein Lächeln auf den Lippen und hat sich nicht ein einziges Mal über irgendetwas beklagt. Einmal saß ich nachmittags auf meinem Bett und war dabei, einen neuen Blogeintrag zu verfassen. Mit Stöpseln und Musik in den Ohren hatte ich nicht gehört, dass Sabine an unsere Tür geklopft hatte. Plötzlich stand sie vor meinem Bett. "Wir sitzen noch etwas draußen am Tisch und sind dann noch einen Moment bei meiner Mutter im Zimmer. Setz´ dich doch zu uns, wenn du magst!?" Logisch, dass ich nicht lange überlegt habe, ob ich mich anschließen möchte. Übrigens ist sie wie ich gelernte PTA, auch wenn sie inzwischen nicht mehr in der Apotheke arbeitet. Und ihre Eltern sind mindestens ebenso umgänglich und sympathisch.

Was ich bis vor kurzen nicht wusste: Ich habe noch einen Bruder. Zwar keinen weiteren leiblichen, aber einen im Geiste. Und auch er ist jemand, der mich mit seinem Optimismus und seiner Zuversicht ein Stück mitgerissen hat. Mehrad ist Anfang Zwanzig. Seine Eltern sind Iraner, die Familie lebt aber schon lange in Deutschland. Ursprünglich hat er eine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert, arbeitet aber schon ein paar Monate nicht mehr in diesem Job. Sein Traum ist es, Schauspieler zu werden, außerdem modelt er gerne. Ich habe ihn eines Nachmittags zufällig auf der Station getroffen. Er saß an dem Tisch, der drei oder vier Meter seitlich des großen Fernsehapparates steht, und an einem Infusionsständer hing eine Cortison-Infusion, die über einen dünnen Schlauch in eine seiner Venen lief. Wie es unter jungen Leuten meistens so ist, kommt man lose ins Gespräch. Seit zwei Jahren habe er inzwischen die Diagnose MS, erzählte er, und komme nun über drei Tage ambulant auf Station, um sich jeweils eine Infusion anhängen zu lassen. Mehrad weiß viel über seine Erkrankung und ist sich darüber bewusst, welche Verlaufsformen sie nehmen kann. Trotzdem lässt er sich davon nicht beeindrucken und ist ein absolut positiver Mensch, der mutig und unverdrossen seinen Träumen hinterherjagt. Zum Trübsal blasen ist keine Zeit. Das gefällt mir sehr an ihm! Als er mir zum ersten Mal davon erzählt hat, dass er modelt und schauspielern möchte, wusste ich nicht so recht, was ich dazu sagen sollte. Einerseits wollte ich ihm gerne etwas nettes und aufmunterndes sagen. Andererseits war und ist mir aber auch klar, wie viele junge Leute ebenfalls von einer großen Karriere träumen und wie schwer es ist, in diese Branche einzusteigen, geschweige denn dort Fuß zu fassen. Als er mir jedoch ein paar seiner Modelbilder gezeigt hat, musste ich meine Zweifel doch ein wenig überdenken. Die Aufnahmen wirkten sehr stylisch und professionell, und auf einigen Bildern haben mich seine Gesichtszüge deutlich an George Clooney und Sylvester Stallone erinnert. Was mir jedoch am besten in Erinnerung geblieben ist, ist etwas anderes. Wir hatten es von unseren Erkrankungen und waren uns mal wieder einig, dass wir trotz allem das Beste aus der Situation machen werden und dass unser Weg nur nach vorne führen kann, als Mehrad zu mir sagte: "Das sehe ich genauso. Hey man, du bist mein Bruder!" Weil ich weiß, welche Bedeutung das Wort ´Bruder´ für einen Perser hat, fühle ich mich noch immer sehr geschmeichelt.

Aber auch mit vielen anderen Menschen bin ich sehr gut ausgekommen. Insgesamt habe ich mich in der Klinik sehr gut aufgehoben gefühlt und bin den Mitarbeitern dort sehr dankbar, dass sie fachlich wie menschlich sehr qualifiziert und jederzeit ansprechbar waren. Ganz gleich, ob sie der Ärzteschaft, dem Pflegepersonal, der Physiotherapie oder dem Sozialdienst angehörten.

Gestern habe ich in Allensbach angerufen. Nachdem ich bereits seit einer Woche einen Bewilligungsbescheid der Deutschen Rentenversicherung über eine vierwöchige, stationäre Rehamaßnahme vorliegen habe, wollte ich nicht länger warten und den Stand der Dinge erfragen. Der Herr von der Belegabteilung informierte mich, dass ich auf der Liste der zeitnah aufzunehmenden Patienten geführt werde und es ca. Mitte Mai werden würde, bis man mich aufnehmen könne. Und ich käme nun doch nicht in die Klinik nach Allensbach, sondern nach Konstanz. Nunja. Eigentlich hatte die Dame des Sozialdienstes der Uniklinik Heidelberg gesagt, ich solle die Reha spätestens zwei bis drei Wochen nach der Entlassung aus der Klinik antreten. Aber gut, ich kann es nicht ändern. Und in welche Klinik ich gehe, ist mir sowieso ziemlich egal. Ich bin jedenfalls gespannt, ob mir der Aufenthalt in Konstanz ähnlich gut gefallen wird wie der in Heidelberg.

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